19.02.2011: "Für Schwergewichte mit Nehmerqualitäten" Artikel in der FAZ
Boxen trainiert Körper und Geist. Längst lassen auch viele Führungskräfte die Fäuste fliegen. Blick auf zwei Frankfurter Boxszenen
Von Alex Westhoff
FRANKFURT. Trommelnd landen die Schläge auf der glatten Oberfläche des Sandsacks. Die Hiebe hallen von den Wänden wider in dem minimalistisch eingerichteten Boxstudio. Ein paar Sandsäcke baumeln von der Decke, an einem Ende des Raumes steht ebenerdig ein Boxring, von einem Poster an der Wand schaut Muhammad Ali in bekannter Siegerpose. "Oberkörper gerade, Hüfte reindrehen, und pass auf deinen Kopf auf!" Ein kurzer Gang hinüber zur Wasserflasche lässt den Boxer kurz entkommen von der Dauerbelastung. "Weiter, weiter. Arbeiten. Konzentrier dich!"
So wie Trainer Oliver Wolf wird an diesem Arbeitstag niemand mehr mit dem Kunden reden. Der drahtige Mann ist Vorstandschef einer Frankfurter Immobilienberatungsgruppe und wird in einer Stunde das atmungsaktive Trainingsshirt gegen Schlips und Kragen eingetauscht haben. Wolf ist Chef im Ring, wenn er Chefs mit bandagierten Fäusten und Boxhandschuhen gegenübersteht. Fast alle seine Kunden im Executive Sports Club in der Frankfurter "Welle" sind Banker oder arbeiten in der Frankfurter Finanzwelt, darunter viele Führungskräfte. So wie Boxen sich generell in den vergangenen Jahren mehr und mehr zum Breitensport entwickelt hat, sind boxende Manager, die die Wirkung dieses lange als brutal verschrieenen Sports für sich nutzen, längst keine Seltenheit mehr.
Besonders während des Knockouts der Finanzmärkte, als die Schwergewichte der Branche auch bei der Arbeit Nehmerqualitäten zeigen mussten, hat Wolf viele neue Kunden hinzugewonnen, die sich einzeln oder in Gruppen von acht bis hin zu 14 Leuten von ihm "behandeln" lassen. Das Geschäft läuft gut. 25 bis 30 Trainingseinheiten gibt der frühere Hessenmeister im Boxen jede Woche. Weibliche Kunden fragten vermehrt Kickboxen nach, was Wolf auch anbietet. Und ein Boxdrill in dem edlen, vor eineinhalb Jahren bezogenen Studio ist nicht billig.
Es ist Donnerstagmorgen, 7.50 Uhr. Schon nach 20 Minuten Aufwärmen, Seilspringen, Bauchmuskelübungen, Schattenboxen und auf dem Sandsack Herumklopfen ist das Hemd des Chefs der Immobiliengruppe nicht nur verschwitzt, sondern regelrecht durchgeweicht. Und das Sparring gegen den Coach steht noch aus. Normalerweise ist er gemeinsam mit einem Geschäftsfreund zweimal in der Woche hier - die Boxeinheiten werden immer wieder aufs Neue mit den Terminkalendern der Manager in Einklang gebracht. Doch heute bekommt er die schweißtreibende Frühschicht exklusiv. "Wer sich morgens auspowert, bleibt abends entspannt", sagt der boxende Manager und übt auf Kommando weiter Haken, Jab und Gerade. Für ihn geht es um den Fitnesseffekt, in den Ring zu gehen für einen richtigen Kampf sei für ihn unvorstellbar. "Die Führungskräfte", hat Coach Wolf beobachtet, "können sich besonders gut konzentrieren, sind ehrgeizig, zielstrebig und suchen die Herausforderung." Aber warum Boxen? Warum sollten Manager nicht nur die Ellenbogen einsetzen, sondern nach allen Faustregeln der Kunst auch Boxhandschuhe fliegen lassen? Boxen beansprucht wie kaum ein anderer Sport den ganzen Körper - und den Geist. Es schult die Reflexe, baut Unsicherheiten ab, Selbstvertrauen auf und lehrt, Situationen Herr zu werden, die man vorher nicht einschätzen kann.
Aus dem Munde von Kai Hoffmann klingt das so: "Die Werte des Managements sind die Werte des Boxens: mit Risiken umgehen können, schnell handeln können, diszipliniert sein." Den Frankfurter Boxcoach und Psychotherapeut kann man durchaus als deutschen Guru des Managerboxens bezeichnen. Er hat Bücher geschrieben mit den Titeln "Boxen und Managen" und "Dein Mutmacher bist du selbst. Faustregeln zur Selbstführung".
Hoffmann, ein kräftiger Mann mit Dreitagebart und Haaren bis in den Nacken, geht beruflich mit Vorständen in den Ring. Im Seilgeviert, sagt er, kämen alle seine Kunden zu sich, legten Skrupel ab, agierten und reagierten ungefiltert und direkt. Der Ring ist in Hoffmanns Arbeitsweise Ort der Selbstfindung und Führungsseminar zugleich. "Ich konfrontiere die Leute mit ihren Zielen und Ängsten." Es gehe um die Überwindung von inneren Barrieren und Blockaden, die den Menschen auch im Arbeitsalltag behinderten, sagt er und bandagiert sich die Fäuste.
In wenigen Minuten beginnt das Boxtraining im Frankfurter Challenge Club. Noch schnell den Mundschutz rein und schon beginnt das Aufwärmprogramm in einer großen Trainingsgruppe. Jeden Abend um 18 Uhr wird in dem geräumigen, in Rot und Weiß gehaltenen Studio an der Darmstädter Landstraße, Boxtraining für die Mitglieder angeboten. Hoffmann, der selbst seit 30 Jahren boxt, kommt auch mit seinen Kunden zur Einzelstunde hierher. Doch nun gehört der Raum um den großen, erhöhten Ring den Boxern zwischen 16 und 55 Jahren. Von Postern schaut Muhammad Ali grimmig herab auf seine Jünger. Die bringen sich mit Seilspringen zu den Gitarrenriffs von AC/DC auf Betriebstemperatur. Der Trainer, ein Spanier mit rasiertem Schädel bis auf die Haarinsel am Hinterkopf samt Zopf, treibt die Sportler an. "Nicht babbeln, arbeiten sollt ihr."
Der Challenge Club ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Gruppendynamik, die entsteht, und die Erfolge, die sich bei der Faustarbeit rasch einstellen, bei den Leuten ankommen. Inhaber Udo Schmidt, der in Sachsenhausen schon seinen zweiten Boxclub eröffnet hat, spricht von "Kapazitätsgrenzen". Das Nachmittagstraining für Kinder und für Jugendliche sei so gut wie ausgebucht. Und an manchen Abenden müssten sich schon zwei Boxer an einem Sandsack austoben, sagt der ehemalige Amateurboxer mit der Erfahrung von mehr als 300 Kämpfen. In dem Club stehen der 50 Jahre alte Banker und der 23 Jahre alte Student Seite an Seite, jeder geht auf seinem Niveau an seine Grenze. Die Luft wird dichter, die Schweißnote deutlicher.
Aber nach dem Training schlüpfen alle lächelnd aus den klobigen Handschuhen. "Bis morgen dann im Büro", ruft einer seinem Kollegen zum Abschied zu.
Heutige Kurse:
- 12:30 Uhr Boxen Basic
- 17:00 Uhr Jugend-Boxen
- 18:00 Uhr Kickboxen Basic
- 19:00 Uhr Kickboxen Basic
- 20:00 Uhr Boxen Basic
